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Published on 20. März 2018 | by Anita Würmser

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Tattoo, Erbsünde, Hippster-Bart

So, so, IT-Nerds schaffen also die Spedition ab. Und zwar ganz schnell. Ich höre das immer wieder. An so einen Nerd werden allerdings hohe Anforderungen gestellt: Gepierct, tätowiert, jung, und selbstverständlich genial – oder wie man sich sonst den Nerd halt vorstellt. Hauptsache anders. Man trifft sie vorzugsweise im Silicon Valley, wo sie längst am ultimativen Logistik-Algorithmus basteln. Weshalb Medien, Professoren und Manager in der Logistik dorthin pilgern, sich lustige Hippster-Bärte wachsen lassen und Brillen aufsetzen, die man den eigenen Kindern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie zumuten würden. Wieder zurück hängt man dann gern die Krawatte an den Nagel, mit Start-ups ab und beschwört den Untergang von Irgendwem und Irgendwas herauf.

Die Spedition bietet sich da geradezu an, ist sie doch seit dem Sündenfall – als Spediteure im Tatort den bösen Buben gegeben haben – so etwas wie die Erbsünde der Logistik. Schuld, am Widerstand der Bevölkerung gegen Logistikzentren, Parkplätze oder Straßenbau, ganz sicher daran, dass die Jugend Deutschlands keine Lust auf Logistikberufe hat, ja sogar am schlechten Wetter.

Die Logistiker, allen voran ihre Protagonisten, wollen sich selbst und der Branche ein neues Image geben. Hipper, digitaler, jünger. Fein. Das ist längst überfällig. Doch woher kommt der plötzliche Hang zur Selbstverleugnung? Warum glaubt die Logistik-Community lieber an die Genialität der anderen, als an die eigene? Und warum sollen ausgerechnet Tattoo und Piercing als neues Maß für Innovationskraft, das Image einer Branche verbessern, deren zentrale Leistungsversprechen Sicherheit und Effizienz sind? Die Garantie für unverdorbene und günstige Produkte auf dem Teller, volle Läden und Regale, weltweite Konkurrenzfähigkeit, Arbeitsplätze, und für das gute Gefühl, dass im Hintergrund alles effizient organisiert und zuverlässig läuft. Langweiliger geht´s kaum.

Tatsächlich forschen Speditionen intensiver denn je, entwickeln IT-Systeme, ja sogar Logistikhardware, was wiederum vor zehn Jahren noch als ziemlich abgedreht galt. Keine Spedition, geschweige denn Logistikdienstleister, war vor und wird in zehn Jahren so aufgestellt sein, wie heute. Viele werden die Digitalisierung tatsächlich nicht überleben. Nicht aus Mangel an Piercings und Tattoos, sondern an Angriffslust und weil sie zu lange an ihrem Kerngeschäft festhalten.

Man wünschte sich auch, dass jemand einmal hinter die gehypten Algorithmen, Software und disruptiven Technologien der Start-ups schaut.

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About the Author

Anita Würmser

Journalistin und geschäftsführende Juryvorsitzende der Logistics Hall of Fame und des IFOY AWARD. Inhaberin von wuermser.communications.



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