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Published on 25. Mai 2018 | by Anita Würmser

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Das europäische Datenschutzmonster

Eines vorwerg: Ohne IT Spezialisten hätte ich es niemals geschafft, meine paar Webseiten DSGVO-konform zu machen. Es hat tagelang gedauert und ich bin zwischendurch die Wände hochgegangen.

Dabei bin ich Datenschützer aus Überzeugung und großer Befürworter, was den Schutz persönlicher Daten angeht. Wer konnte ahnen, dass die EU und allen voran Deutschland, uns datentechnisch ins Mittelalter katapultiert, dass das DSGVO ein solches Monster wird.
Was soll man von einem Gesetz halten, das eine so zwielichtige Berufsgruppe wie die „externen Datenschützer“ hervorbringt, die offenbar eine ganze Wirtschaftsnation so derart verschrecken können, dass Zahnärtze, Kindergärten, Whatsapp-Gruppen ja sogar Bundeseinrichtungen und – Achtung! – Juristenverbände, aus Angst vor Klagen ihre grundharmlosen Webseiten vorsichtshalber abschalten.
Ich könnte mich zur Ruhe setzen und all diejenigen verklagen, die meine Daten speichern, ohne dass ich aktiv zugestimmt habe. Aber das Geschäftsmodell ist nicht mein Fall. Die echten Spamfritzen sitzen sowieso alle in Russland oder China. Wo soll ich da meine Klage hinschicken?

Dabei klingt alles so gut, vor allem der Satz: „Der Schutz Ihrer Daten ist uns wichtig.“ So beginnen Hunderte von E-Mails begonnen, die um Zustimmung bitten, persönliche Daten zu speichern und weiterhin Newsletter, Pressemitteilungen oder Einladungen an die betreffende Person verschicken zu dürfen. Die Floskel klingt in etwa so wie „Der Kunde ist König“ oder „Wie geht es Ihnen“. Man interessiert sich nicht wirklich dafür.
Mein Postfach ist voll davon. Auf viele dieser E-Mail-Links habe ich lieber nicht geklickt, weil mindestens genausoviele Phishing-Mails unter dem Deckmäntelchen der DSGVO in meinen Postfach gelandet sind. Spam oder nicht Spam, wer weiß das schon?
Aber ohne Zustimmung des Empfänger – in dem Fall also ich – dürfen Pressemitteilungen nicht mehr an Medien verschickt werden, Verlage verlieren Tausende von Newsletterlesern, Firmen können Ihre Geschäftskontakte nicht mehr kontaktieren. Eine gigantische Wertvernichtungsmaschinerie. Ich selbst kann mein Netzwerk ebenfalls nicht mehr anschreiben und beispielsweise zur Logistics Hall of Fame-Gala einladen. Die ersten haben sich schon beschwert, dass ich es offenbar nicht mehr für nötig halte, sie zu informieren. Darf ich die Adressen eigentlich noch speichern und die Einladungen per Post verschicken? Zwei Rechtanwälte gefragt, der eine sagt nein, der andere ja, weil berechtigtes Interesse, im Schnitt ein entschiedenes Vielleicht. Immerhin.

Besonders stolz sind die Datenschützer darauf, dass in einer Checkbox keine Voreinstellung mehr gesetzt werden darf. Wie unsinnig das ist, offenbart sich spätestens bei der Twitter-Dateschutzerklärung. Dort muss ich mir jetzt jede Einstellung mühsam ergooglen. Zu allem Überfluss habe ich meistens keine Ahnung, wozu ich meine Einwilligung gebe, weil der Tag nicht mehr lang genug ist, um Hunderte von Datenschutzerklärungen zu lesen. Aporpos Datenschutzerklärung: Nach stundenlanger Lektüre wenig erbaulicher und für einen IT-Normalanwender allenfalls halb verständlicher Lektüre von maschinell erstellten Datenschutzerklärungen schwirrt einem der Kopf. Wirklich lustig ist, dass ich widersprechen kann, wenn mir etwas missfällt. Aber was hilft mir das, wenn die Alternative ist, dass mein Accout gelöscht wird.

Angeblich will die Mehrheit den Datenschutz. Diese Aussage fällt eher in die Katgeorie „Trau keine Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“. Die hohen Zustimmunsgwerte wundern nämlich nicht, wenn man sich die Fragen genauer anschaut. Da hat man die Wahl zwischen A:“Ja, meine Daten gehören mir. Und ich will die Kontrolle zurück“. B: „Nein, ich lese AGB’s ohnehin nie. Hauptsache, die Anbieter sind billig oder gar gratis.“ oder C: „Mir egal. Bin im Netz eh nur mit Fake-Accounts und falschen Namen wie Kater Lustig oder Naschbär unterwegs.“ Mehr Suggestion geht kaum.

Die neue Datenschutzgrundverordnungs gibt den Menschen die Hoheit über Ihre persönlichen Daten zurück, jubeln alle. Schön wär´s. In Wahrheit legt sie gerade meine kleine Organisation lahm. Die Kopfgeburt der EU, initiiert von Deutschland, um die New Economy mit den Waffen der Old Economy zu regulieren. Eine Cashcow für Juristen und Datenschutzbeauftragte – und ein weiterer Sargnagel für den Mittelstand.

Der Gipfel: Die DSGVO hat eine neuen Berufsstand geboren, der den schlechten Ruf von Journalisten und Juristen mit Leichtigkeit in den Schatten stellen wird. Kürzlich hat sich ein so genannter externer Datenschutzbeauftragter bei mir gemeldet, der – Achtung! – im Namen eines Auftraggebers mit Kündigung der Geschäftsbeziehung droht, wenn ich nicht einen Vertrag mit ihm schließe. Das 16-seitige Werk in 4 Punkt-Schrift war durch und durch DSGVO-konform und gespickt mit Vertragsstrafen, Vorgaben, was ich alles zu tun und zu lassen habe. Eine listige Passage ist mir gleich ins Auge gesprungen: Ich solle den Zugang zu meinen Geschäftsräumen und Daten sicherstellen, damit dieser Herr prüfen könne, ob bei mir alles mit rechten Dingen zugeht. Für Viermal jährlich „unangekündigt“ Prüfen soll ich dann 8.000 Euro bezahlen. Ist das eigentlich legal?

Das Fazit der letzten Monate fällt erschreckend aus: Ich muss auf jeder Website lästige Cookie-Checkboxen anklicken und meine Spam-Mails sind sprunghaft angestiegen, dafür bekomme ich plötzlich keine Mails mehr von denjeningen Unternehmen, die mich thematisch interessieren. Ich wage zu prognostizieren, dass – ausgenommen Juristen und Datenschützer – ausgerechnet die großen Plattformen, die man eigentlich mit der DSGVO regulieren wollte, am meisten davon profitieren werden, wenn die bilaterale B2B-Kommunikation per Gesetz auf Eis gelegt wird.

Kriminelles Verhalten wird sich durch all das ebenfalls nicht verhindern lassen. Im Gegenteil. Die dicken Fische schwimmen weiter unbehelligt in ihren muckelig warmen Koikarpfenteichen, und erfinden neue Regeln für den Datenschutz.

Man wünscht sich, die Regulierungswut möge ein Ende haben und die Politik wieder zur Vernunft kommen.
Eine Datenschutzerklärung und ein standardisierter „Abmelde-Button“, den man überall einbetten kann, hätten schon gereicht.

Alle diejenigen, die mich weiterhin per Mail über Logistik informieren wollen und beruflich mit mir in Kontalt treten, ist dies hiermit gestattet.

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About the Author

Journalistin und geschäftsführende Juryvorsitzende der Logistics Hall of Fame und des IFOY AWARD. Inhaberin von wuermser.communications.



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