Blog

Published on 16. Mai 2018 | by Anita Würmser

0

Die BVL wird 40, der DLK 35 und ich bin auch schon 30 Jahre dabei

Als die BVL vor 40 Jahren am 18. April 1978 gegründet wird, steht der Schreibtisch eines Logistikers noch unter dem Treppenaufgang – meistens im Keller. Die Logistik steckt in den Kinderschuhen – eine Cloud kommt allenfalls in der Wettervorhersage vor, E-Mail heißt noch Fax und hat gerade disruptiv dem Telex den Garaus gemacht. Handys Fehlanzeige. Motorola bringt fünf Jahre später das erste Handy mit dem flüssigen Namen DynaTAC 8000x auf den Markt, Computer sind Schnickschnack für Wissenschaftler und ein paar Männer haben die Vision, dass ihr Arbeits- und Forschungsgebiet künftig die Welt bewegen würde. Das Denken und Arbeiten in Prozessen, geschweige denn Netzwerken, ist Ende der 70er allenfalls ein vager Traum, von dem keiner so genau weiß, wie das eigentlich funktionieren soll. Die BVL hat mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit 40 Jahre lang daran gearbeitet, dass er wahr wird. Globalisierung und Mobilität wären ohne Logistik wie wir sei kennen, wahrscheinlich genauso denkbar, aber zu welchem Preis? Logistik sorgt für Effizienz und Sicherheit. Das ist das zentrale Leistungsversprechen einer Branche, die Lebensstandards garantiert. Die BVL, genau genommen die Menschen dahinter, haben daran einen großen Anteil.

Der Verein war lange Zeit in der Logistik die einzige Plattform für den branchenübergreifenden Wissensaustausch, für Orientierung, für Information und Qualifizierung. Wenn man es genau nimmt, dann hat die BVL das Networking in der Logistik erfunden. Auch wenn es zwischenzeitlich von Veranstaltungen nur so wimmelt, steht der Logistik-Kongress in Berlin bei jedem, der in der Branche etwas zu sagen hat, nach wie vor fest im Kalender. Diesmal übrigens vom 17. bis 19. Oktober 2018 mit großer Geburtstagsgala am ersten Kongressabend unter dem Motto: „Digitales trifft Reales“.

Mein erster DLK ist eher surreal. Dort erlebe ich 1989 gleich der Schock meines jungen Lebens, als ich zum ersten Mal den Raum Potsdam im Berliner Interconti Hotel betrete: 1000 dunkle Anzüge – und ich. Mein rotes Kleid macht es nicht besser, ich könnte auch zwei Köpfe haben. Frauen? Fehlanzeige! Irgendwie schaffe ich es, auf dem Absatz kehrt zu machen und aus dem Hotel zu flüchten. Sollte ich die Redakteursstelle bei „Logistik Heute“ wirklich annehmen? Nach fünf Minuten nehme ich all meinen Mut zusammen und gehe zurück.

Ob ich denn überhaupt Ahnung von Logistik hätte, fragt mich wenig später ein Mann, der sich mit Herr Fiege vorstellt. Am Abend tanzen ein gewisser Detthold Aden und ein Rüdiger Bretzke, die Krawatte gewagt um den Kopf gezurrt, ausgelassen auf dem Tisch. Das kann ja heiter werden, denke ich. Mittendrin im Kongressgetümmel und alle Fäden in der Hand, der erste BVL-Vorsitzende Hanspeter Stabenau, auch „der große Vorsitzende“ oder „Mister BVL“ genannt, der mir gleich meine ersten beiden DLK-Logistiklektionen verpasst: immer in Netzwerken denken und die besten Geschichten gibt es nach Mitternacht an der Marlene Bar – manche Dinge ändern sich nicht. Ich erfahre noch viel bis Stabenau das Licht an der Bar ausmacht; drei Stunden später hält er frisch und munter eine Rede über Logistiknetze, Effizienzpotenziale und die Logistikfamilie. Langsam dämmert es mir: das wird kein Spaziergang, aber wer will das schon. Die Berufswahl war gefallen und seitdem ist die dritte Woche im Oktober fest gesetzt.

Wie mir, geht es vielen. So kommt es, dass sich auch nach 35 Jahren DLK reichlich Geschichten und Gerüchte, Anekdoten und Superlative um das Familientreffen der Logistiker ranken. Selbst Konkurrenten schwärmen, er sei die wichtigste Kommunikationsplattform für Logistiker – oft kopiert und nie erreicht. Dabei waren die Vorträge immer schon Nebensache, die Hotelzimmer die teuersten Kofferabstellräume der Welt und doch ist der DLK Pflicht für jeden Logistiker. Alle großen Trends, der Imagegewinn, der Bedeutungszuwachs der Logistik und so manche Allianz nahmen hier ihren Anfang.

Apropos Anfang: „Wir waren arm wie die Kirchenmäuse und zogen mit dem Klingelbeutel und dem Netzwerkgedanken übers Land „um bei den besser situierten Verbänden – 5000 D-Mark hat der reiche BDI beigesteuert – ein paar Mark zu erbetteln, hat keiner von uns mit dem Erfolg gerechnet“, erzählt Stabenau gerne über die ersten Jahre. Der Klingelbeutel der BVL ist heute dank DLK besser gefüllt und spätestens seit Angela Merkel vor einigen Jahren den Kongress eröffnet, ist aus dem Netzwerkgedanken auch eine Branche geworden.

Nicht zuletzt deshalb ist die BVL mit den Jahren politischer geworden – im Sinne von Daten, Fakten und Analysen sowie sachlichen Hinweisen und Handlungsaufforderungen an die Politik, wie man selbst sagt. Ein Verband will der Verein mit 250 Ehrenamtlichen und mehr als 11.000 Mitgliedern aus allen Bereichen der Logistik aber trotzdem nicht sein. „Wir vertreten keine Partikularinteressen. Unser Ansatz ist es, dass wir uns für die gesamte Logistik einsetzen – sowohl in Industrie und Handel als auch in der Logistikdienstleistung. Dazu gehört es, immer objektiv und sachlich zu bleiben“, beschreibt Prof. Robert Blackburn, Vorstandsvorsitzende der BVL, das Selbstverständnis der Organisation und ergänzt: „In unserer Vision aus dem Jahr 2008 haben wir festgelegt: Objektivität ersetzt Neutralität.“ Reichlich Stoff für die nächsten 40 Jahre.

Happy Birthday, BVL! Wir sehen uns in Berlin.

Foto: BVL

Tags: , , , , , , ,


About the Author

Journalistin und geschäftsführende Juryvorsitzende der Logistics Hall of Fame und des IFOY AWARD. Inhaberin von wuermser.communications.



Back to Top ↑