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Published on 17. Januar 2019 | by Thilo Jörgl

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Tempolimit für Binnenschiffe: Top-Thema für Büttenreden

Auch wer Karneval meidet wie der Teufel das Weihwasser, weiß in der Regel:: Die Pappnasensaison beginnt nicht erst am Karnevalswochenende, sondern bereits im Vorjahr am 11. November um 11.11 Uhr. In den Hochburgen des angesagten Spaßmachen, etwa Mainz, Düsseldorf oder Köln, war also schon Hauptsaison, als im Dezember eine verkehrspolitische Aussage über den Newsticker lief, die man meiner Ansicht nach auch mit „Kölle alaaf“ überschreiben hätte können. Stattdessen hieß es: Kölner Oberbürgermeisterin fordert Tempolimit für Schiffe auf dem Rhein.

Was war passiert? Die parteilose Politikerin Henriette Reker probte in der Tat nicht für eine Büttenrede, sondern behauptete gegenüber Journalisten, dass der Schiffsverkehr erheblich zur Luftverschmutzung in der Domstadt beitrage. Und deshalb sei ein Tempolimit „unumgänglich“. Und zwar nicht nur für Personenschiffe, sondern auch für Frachtschiffe. Zeitlich platzierte die Kölnerin ihre Aussage geschickt vor dem Dieselgipfel. Hintergrund: Köln bereitet sich auf Fahrverbote vor, weil das Verwaltungsgericht entschieden hat, dass ab April 2019 Dieselautos der Abgasklasse 4 oder schlechter und Benziner der Klassen 1 oder 2 aus dem größten Teil des Stadtgebiets ausgeschlossen werden müssen.

Wie es scheint, wollte Reker selbst verkehrspolitisch aktiv werden und formulierte ihre Aussage über den Schiffverkehr, die für mich zu den skurrilsten des Logistikjahres 2018 zählte. Wer umgehend auf die Worte reagierte, war der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB). Er bezeichnete die Verlautbarung Rekers als „ausgesprochen kurios“ – und lieferte zugleich ein paar Fakten mit, die Reker wohl entweder nicht wusste oder – noch schlimmer – ignorierte.

Laut BDB fährt ein Schiff gegen die Fließströmung selten schneller als zehn Kilometer pro Stunde, mit dem Strom im Schnitt um die 20. Von Tempo mag man gar nicht reden. Jedes Kind radelt schneller von der Schule nach Hause. Was in diesem Zusammenhang aber noch wichtiger ist: Binnenschiffe haben laut dem Bundesumweltamt keinen besonders großen Einfluss auf die hohe Stickoxidbelastung in Innenstädten. An innerstädtischen verkehrsnahen Messtationen liege der Beitrag der Binnenschiffe an der Stickoxidbelastung deutlich unter zehn Prozent, Diesel-Pkw seien jedoch mit mehr als 72 Prozent an diesen Emissionen beteiligt, schreibt die Behörde. Und direkt nachweisebare Auswirkungen der Schiffe seien stark auf die Flussnähe beschränkt, heißt es weiter.

Angesichts dieser Fakten wäre die Politik wohl gut beraten, am Individualverkehr in den Städten mit Maßnahmen anzusetzen. Und nicht im Bereich Binnenschiff. Fakt ist auch: Die Politiker und die Bürger können froh sein, über jede Frachttonne, die vom Lkw auf die Schiene oder das Binnenschiff verlagert wird. Zur Erläuterung: Gut 80 Millionen Tonnen Güter werden per Schiff pro Jahr an Köln vorbeigeschippert. Das entspricht etwa 3,2 Millionen Lkw-Fahrten! Wer jetzt Tempolimits für die eh schon im Schildkrötenmodus fahrenden Frachtschiffe fordert, nimmt in Kauf, dass sich der ein oder andere Verlader überlegt, Fracht zurück auf die Straße zu verlagern. Dann würde das ohnehin verkehrsgeplagte Köln im Lkw-Verkehr „ersaufen“.

Fazit: Das Tempolimit ist eine Steilvorlage für alle, die jetzt Themen für Büttenreden oder Karnevalswagen suchen. Anregung für den Rosenmontagszug: Die Oberbürgermeisterin aus Pappmaché mit wehendem Haar auf einem Speedboat – akustisch begleitet von Schallmauerdurchbrüchen. In diesem Sinne: Kölle, alaaf!

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About the Author

Thilo Jörgl

Managing partner, impact media projects. Editor in chief www.bestoflogistics.de Brands: IFOY AWARD, Logistics Hall of Fame



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