Coronaserie

Published on 9. Dezember 2020 | by Stefanie Nonnenmann

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Die Welt bleibt im Wandel – die Logistik auch

Wer hätte an Silvester 2019 gedacht, dass in nur sechs Monaten ein Virus die Wirtschaft weltweit ins Wanken bringt? Auch den mehrfachen Exportweltmeister Deutschland? Vermutlich niemand. Ein Kommentar von Ralf Düster, Vorstand Setlog AG, Bochum.

Am 30. Juli verkündete das Institut der Deutschen Wirtschaft: Der Wirtschaftsrückgang von 11,9 Prozent seit Ende 2019 repräsentiere die „schwerste Rezession in der Geschichte der Bundesrepublik“. Die Industrieproduktion ist allein von Februar auf Mai um 22,5 Prozent gesunken. Die Exporte fielen um 27 Prozent.

Die Mitarbeiter von Setlog und ich konnten in den vergangenen Monaten unter anderem in der Fashionbranche beobachten, wie Supply-Chain-Experten unermüdlich versuchten, Probleme zu lösen. Mehr als 100 Brands nutzten unsere SCM-Plattform, um auf Lockdowns und geschlossene Läden zu reagieren. Sie und ihre Supply-Chain-Partner leisteten Unglaubliches: Erst buchten sie in Windeseile Seefrachtlieferungen auf Luftfracht um, weil Häfen in China nicht mehr funktionierten. Nachdem die Läden hierzulande schließen mussten und die Läger überliefen, buchten sie Lieferungen auf langsame Seefracht um und suchten gemeinsam mit Lieferanten Lösungen für bereits geplante Produktionen. Die Firmen hatten vorgesorgt: Schon vor der Covid-19-Pandemie waren sie auf Unterbrechungen der Lieferketten vorbereitet – und konnten sich zu jeder Tages- und Nachtzeit vom heimischen Laptop auf die SCM-Plattform aufschalten, um mit Geschäftspartnern in aller Welt zu kommunizieren. Manche Unternehmen waren sogar in der Lage schnell auf dringend benötigte Produkte wie Masken umzusteigen und auch für diese Artikel die Supply Chain transparent zu halten und die Produktion sowie die Logistik digital zu steuern.

Doch es gab in der Modebranche auch diejenigen, die in der Vergangenheit das Thema Riskmanagement eher auf die leichte Schulter nahmen und ihre Hausaufgaben in Sachen Digitalisierung bisher nicht – oder nicht ordentlich – gemacht hatten. Die digitalen Nachzügler mussten Tag und Nacht Brände löschen – mit Skypecalls, Exellisten oder E-Mails.

In diesen Firmen müsste spätestens jetzt ein Umdenken stattfinden. Denn auch künftige Unterbrechungen der Lieferketten sind nicht auszuschließen. Ich denke nicht nur an Viren. Auch Umweltkatastrophen, Streiks oder Kriege bringen Ketten aus dem Nichts zum Brechen. Manager müssen jetzt Notfallszenarien entwickeln, die Sourcingstrategien überdenken und ein agiles, vernetztes Ökosystem aufbauen.

„Stillstand ist der Tod“, singt Bochums berühmtester Musiker Herbert Grönemeyer in seinem Stück „Bleibt alles anders“. Das gilt auch für die Logistik. Die Globalisierung wird vielleicht in manchen Branchen leicht zurückgedreht. Doch die Konsumgüterbranche beispielsweise wird im niedrigen und mittleren Preissegment weiterhin Waren in Asien fertigen lassen – und nicht in Westeuropa. Die Kostenvorteile sind einfach zu groß. Wer im weltweiten Wettbewerb mithalten will, muss intelligent digitalisieren. Mehr E-Mails im „Gesendet-Ordner“ sind jedenfalls kein Indiz für eine smarte Digitalisierungsstrategie. Das ist immer noch Feuerlöschen – nur mit größeren Eimern als bisher. Brände werden so jedenfalls nicht vermieden.

Ralf Düster, Vorstand Setlog AG


About the Author

Stefanie Nonnenmann

PR-Journalistin und Projektmanagerin, impact media projects. www.bestoflogistics.de Brands: IFOY AWARD, Logistics Hall of Fame



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