Coronaserie

Published on 10. Dezember 2020 | by Stefanie Nonnenmann

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Wenn das Pandemie-Szenario fehlt

Ein fehlendes Pandemie-Szenario in ihren Risikomanagement-Aktivitäten war für viele BME-Mitgliedsunternehmen die größte Herausforderung. Ein Interview mit Dr. Silvius Grobosch, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V.

Was war Ihre größte Herausforderung in der Coronakrise?

Grobosch: Fehlendes Pandemie-Szenario in ihren Risikomanagement-Aktivitäten war für viele unserer BME-Mitgliedsunternehmen die größte Herausforderung. Es wurde sehr schnell klar, dass nur wenige Firmen auf eine Krise dieses Ausmaßes vorbereitet waren. Deshalb ist es mit Blick auf künftige mögliche Katastrophen und Notfälle notwendiger denn je, den Fokus auf vorausschauendes und professionelles Supply Chain Risk Management zu richten. Hier sind vor allem Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager in der Pflicht.

Bereits in Vor-Corona-Zeiten waren die Fracht- und Transportkapazitäten im internationalen Lieferverkehr neben den Produktionskapazitäten in der Region das dominierende Thema. Gleich zu Beginn der Pandemie zeigte sich, dass vor allem Transportkapazitäten in der Luftfracht knapp wurden und in der Folge die Preise massiv anzogen. Im Bereich der Europaverkehre waren und sind die Herausforderungen eher im Bereich von Grenzkontrollen und Quarantäne-Vorschriften für Lkw-Fahrer zu sehen. Last but not least haben sich in einigen Bereichen Bahntransporte als gute Alternative zum Lkw erwiesen.

Wie haben Sie akut reagiert und was sind Ihre lessons learned?

Wir haben in den ersten Wochen nach Ausbruch der Corona-Krise in Europa in direktem Kontakt mit unseren BME-Mitgliedern zunächst den Status quo analysiert, um das Ausmaß der Lieferketten-Probleme in den einzelnen Branchen zu erfassen. Dabei wurde unter anderem deutlich, dass die Auswirkungen der Corona-Krise auf die einzelnen Branchen sehr unterschiedlich waren. Die Pandemie zeigte uns allen sehr schnell, dass für eine erfolgreiche Krisenbekämpfung die Bildung von Task-Force-Einheiten in den Unternehmen unerlässlich ist – und das quer durch alle Branchen. Erfahrene Krisen-Manager sind am besten in der Lage, mögliche Störungen der Lieferketten schnell aufzuspüren und zeitnah beheben zu können.  Insbesondere die Einkäufer und Logistiker wissen hier um ihre Verantwortung. Ein weiteres To Do beim Ausbruch einer Krise ist die Prüfung alternativer Verkehrsträger. Damit kann Transportausfällen oder -verzögerungen rechtzeitig entgegengewirkt werden.

Welche zentrale Erkenntnis nehmen Sie aus dieser Krise mit?

Die Corona-Krise ist zum Stresstest für die nationalen und internationalen Lieferketten geworden. Ob diese dem Druck dauerhaft standhalten oder an der einen oder anderen Stelle reißen werden, hängt von Dauer und Schwere der Pandemie ab. Es gibt in einigen Ländern positive Anzeichen, aber weltweit ist ein Ende der Corona-Krise zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht absehbar, daher sind seriöse Prognosen zur weiteren Entwicklung der Supply Chains auf globaler Ebene nur schwer möglich.

Was wird sich konkret nach der Coronakrise in Ihrem Unternehmen ändern?

Die Frage, wie es nach der Krise weitergeht, wird von einem Großteil unserer Beschaffungs- und Logistikprofis mit nur einem Wort beantwortet: Digitalisierung. Hier werden künftig Begriffe wie Transparenz in der Lieferkette oder proaktives, digitales Risikomanagement eine noch größere Rolle spielen als bisher schon. Neu an dieser Krise sind unserer Einschätzung nach die damit verbundenen vollkommen neuen Herausforderungen. So geht die operative Lösung der Krise einher mit einer für viele Unternehmen neuen Arbeitsorganisation durch dezentrales Arbeiten und Homeoffice.


About the Author

Stefanie Nonnenmann

PR-Journalistin und Projektmanagerin, impact media projects. www.bestoflogistics.de Brands: IFOY AWARD, Logistics Hall of Fame



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